Was plant die BVG für die Zukunft? – ein Interview mit Jean Hoffmann

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Derzeit werden in Berlin vor allem noch Papiertickets benutzt, warum ist das so?

BVG, S-Bahn und DB Regio haben mittlerweile an ca. 400 000 Berliner die fahrcard ausgegeben. Für einen kleineren Teil der Abonnenten werden noch Papiertickets ausgegeben. Gründe dafür sind, dass bisher die verbundweite elektronische Kontrolle noch nicht hergestellt ist und dass diese Tarifprodukte mit ihren teilweise bestehenden zeitlichen Befristungen und steuerlichen Anforderungen den Aufbau eines komplexeren technischen Systems erfordern. Ziel ist auch diese Tickets auf Chipkarten umzustellen. Der größte Teil der Tarifprodukte für Gelegenheitsnutzer (von der Kurzstrecke bis zur Monatskarte) wird in der Tat noch als Papierticket ausgegeben, obwohl mit dem Handyticket für einen Teil der Tarifprodukte eine Alternative existiert. Wir möchten in Zukunft dieses Verhältnis umzukehren und den Verkauf von Handytickets steigern. Es wird allerdings keine Reduzierung von Verkaufsstellen von Papiertickets geben. Auch werden keine Ticketmedien gegenüber anderen tariflich bevorzugt

Wie sehen die Planungen der BVG bezüglich zukünftiger/elektronischer Ticketsysteme aus?

Die BVG kann nur gemeinsam mit den im VBB zusammenarbeitenden Verkehrsunternehmen neue Ticketsysteme einführen. Die Vision des VBB und ihrer Verkehrsunternehmen ist der Aufbau eines sogenannten In-/ Out-Systems. Mit dem fahrcard-System wurden dafür bereits wesentliche Systembausteine eingeführt. Die Einführung eines solchen Systems ist allerdings noch nicht in der Planung. Neue technische Möglichkeiten verfolgen wir dazu mit Interesse. Kurz und mittelfristig möchte die BVG für ihre Abonnenten das fahrcard-System weiter ausbauen und mit neuen Funktionen (z.B. eine Onlineverwaltung) ausstatten. Für ihre Gelegenheitskunden möchte die BVG ein noch einfacheres und nutzerfreundlicheres Handyticketsystem anbieten und weitere Tarifprodukte integrieren.

Das HandyTicket der BVG-App kommt (neben der fahrcard, die es aber nur für Abonnenten gibt) der Idee des „eTicketing“ bisher am nächsten. Welche Erfahrung hat die BVG mit den HandyTickets gemacht?

Die BVG hat bisher sehr positive Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Handyticket gesammelt. In den ca. 2,5 Jahren seit Einführung der App wächst der Umsatz stetig. Der Vorteil dieses Systems ist eine direkte Kundenkommunikation über die App-Shops. Die BVG kann so auf die Wünsche ihrer Kunden direkt eingehen. Kurzfristig wird die BVG anstreben, Komplexität aus der App, insbesondere bei der Anmeldung zu nehmen, den Ticketerwerb zu vereinfachen, mehr Zahlungsmöglichkeiten anzubieten, das bisher noch notwenige Kontrollmedium abzuschaffen und das Ticketsortiment zu vergrößern.

RFID-gestützter, elektronischer Verkehrzugang findet in vielen europäischen Städten als Teil eines geschlossenen Systems statt, d.h. es gibt physische Zugangsbarrieren. Wie schätzen Sie daher die Umsetzung eines elektronischen Verkehrszugangssyste in Berlin ein?

In den letzten 20 Jahren wurden für Berlin mehrmals Möglichkeiten geprüft, geschlossene oder teilgeschlossene Systeme zu installieren. Meist wurden diese Aufträge aufgrund von politischen Motivationen erteilt. Bisher wurden, vor allem wegen des hohen Investitionsbedarfs und zusätzlicher laufender Personalkosten, diese Pläne nicht weiter verfolgt. Da in Deutschland traditionell offene Zugangssystem zum ÖPNV etabliert sind, wird eine Entscheidung zur Einführung eines geschlossenen Systems meist nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst.

Die Palette an Vorbehalten gegen solche Verkehrszugangssysteme ist breit, von gesundheitlichen Schäden durch elektromagnetische Wellen über mangelnde Bedienfreundlichkeit der Technik bis hin zu Datenmissbrauch. Welche Vorbehalte der Fahrgäste können Sie ausräumen und welche teilen Sie womöglich?

Einige Einwände zur mangelnden Bedienfreundlichkeit der App teilen wir ebenfalls. Das System sollte dem Kunden den Zugang erleichtern, aber nicht verkomplizieren. Nachdem wir in der Vergangenheit hier meist Lösungen von Herstellern mehr oder weniger direkt zu den  Kunden weitergereicht haben, gehen wir jetzt einen anderen Weg. Für eine neue Ticket-App wird das System von der Kundenseite her gedacht. Wir legen hier viel Wert auf einfache und komfortable Bedienung.

Das Thema des potenziellen Datenmissbrauchs ist bei den vorhandenen Systemen, bei denen der Kunde nur bei den Aktionen Ticketerwerb und Ticketkontrolle potentiell elektronische Spuren hinterlässt, im Vergleich zu In- /Out-Systemen noch überschaubar. Wir legen jedoch bereits jetzt sehr großen Wert auf die Einhaltung von Vorgaben und Regeln zum Datenschutz. Die Verfahren, welche wir anwenden, sind in den Spezifikationen des (((eTicket Deutschland, welches eine Gesellschaft des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen ist, verankert und darüber transparent dargestellt. Grundsätzlich gehen wir bei der Einführung neuer Systeme so vor, dass wir diese den Landesdatenschützern in Berlin und Brandenburg vorstellen. Erst wenn alle Vorgaben erfüllt sind, werden diese Systeme eingeführt. Mittlerweile sind die Systeme so flexibel, dass wir auch nachträglich noch Verfahren ändern, wie es z.B. beim Löschen der Einträge des Transaktionslogbuches der fahrcard erfolgte.

Mögliche gesundheitliche Schäden durch die Nutzung von Smartcards und Smartphones sind differenziert zu betrachten. Die Smartcard kann aus eigener Kraft, durch die fehlende Energiequelle, keine Strahlen aussenden. Ob ein Kunde ein Smartphone zum Zugang im ÖPNV nutzen möchte, soll er auch weiterhin selbst entscheiden (siehe Antwort zur ersten Frage).

Jean Hoffmann arbeitet den Berliner Verkehrsbetrieben.